Trauma: Diagnostik und Ursachen

Im ersten von vier Teilen zu Trauma klärt Clienia über einige grundlegende Aspekte der Diagnostik auf.

Begriffstheorie
Da der Begriff Trauma oder traumatisch oft sowohl umgangs- als auch fachsprachlich verwendet wird, erscheint es sinnvoll die Herkunft und Definition genauer zu betrachten, um den Begriff und seine Verwendung in der Psychiatrie einzuordnen.

Das Wort hat seinen Ursprung im Griechischen und wurde verwendet zur Beschreibung einer Verletzung, ohne deren Ursache zu bestimmen. Später wurde der Begriff in die lateinische Medizinsprache integriert. Als gegen Mitte des 19. Jahrhunderts vermehrt Eisenbahnunfälle auftraten, wurde der Begriff auch in der deutschsprachigen Psychologie durch verschiedene Forscher (Janet, Charcot, Freud) als Bezeichnung für eine seelische Erschütterung oder einen Schock verwendet. Auch die Verwendung als Attribut, traumatisch, hielt Einzug. In der Umgangssprache wird der Begriff oft gebraucht, um ein Ereignis als besonders belastend und schwerwiegend für eine Person oder Gruppe zu beschreiben.

Offizielle Klassifikation
Die medizinisch-psychiatrische Verwendung von Trauma/traumatisch ist im Vergleich zur umgangssprachlichen enger gefasst und die Definition präziser. Gemäss der aktuellen Klassifikation der WHO (ICD-10) und dem amerikanischen Äquivalent (DSM 5) muss für ein Trauma die Schädigung/Bedrohung des Lebens oder existenzielle Bedrohung der Gesundheit der betroffenen Person selbst und/oder einer anderen Person gegeben sein. Trotz der komplexen Natur und Vielfalt der individuellen Unterschiede in den Auswirkungen von Ereignissen auf Menschen muss eine Traumafolgestörung ursächlich auf ein konkretes Ereignis, oder eben Trauma, zurückzuführen sein, um als solches zu gelten.

Einige Beispiele für mögliche traumatische Ereignisse: Unfall, Kriegshandlung, Naturkatastrophe, sexueller Missbrauch, Zeugnis einer Gewalttat, Folter und andere Formen lang andauernder Gewalt.

Bei Traumafolgestörungen gilt in der Diagnostik, dass sich die allfälligen Beeinträchtigungen auf konkrete Ereignisse zurückführen lassen (häufig handelt es sich um mehrere Traumata).

Posttraumatische Belastungsstörung und neue Diagnose
Im Zusammenhang mit psychischen Traumata ist der Begriff der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) eine Bezeichnung, die oft verwendet wird und entsprechend verbreitet ist.

Die Kriterien der Diagnostik fokussieren auf Symptome nach erlebten Traumata. Wichtige Charakteristika der PTBS sind das wiederholte Erleben (Flashbacks, Alpträume) des konkreten Ereignisses, oft verbunden mit Angst, Feindseligkeit, Depression und auch Rückzug oder Vermeidung von Situationen, die an das Erlebnis erinnern. Auf mögliche Folgen von traumatischen Erlebnissen wird im zweiten Teil dieser Reihe genauer eingegangen.

Die Diagnose der PTBS wird den Ereignissen gerecht, die als besonders extrem und für jeden Menschen als extrem belastend gelten. Anfangs lag der Fokus auf einem konkreten Ereignis (z.B. Hausbrand, Tod eines Kameraden im Krieg). Heute wird die Schwere von mehreren sich aneinander reihenden Ereignissen berücksichtigt und bereits in der DSM 5 beschrieben. Mit der Aktualisierung des Diagnose-Instruments der WHO (ICD-11) wurde eine neue Diagnose eingeführt: Seit 2022 kann neu die Diagnose der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung gestellt werden. Im Gegensatz zur ursprünglichen Form von PTBS muss dafür nicht ein einzelnes traumatisches Ereignis vorliegen, sondern auch ein wiederholtes Erleben von Vorfällen über einen längeren Zeitraum wird berücksichtigt. Dies trägt insbesondere dem Erleben von sexueller und/oder häuslicher Gewalt im Kindes- und Jugendalter, Folter und Kriegserlebnissen Rechnung. Als mögliche Folgestörungen kommt ein breites Spektrum an psychologischen und sozialen Beeinträchtigungen in Frage.

Ausführlicheres zur Entstehung und Manifestierung von Symptomen einer Traumafolgestörung folgt im zweiten Teil dieser Reihe. 

Teil 2: Traumafolgestörungen

Teil 3: Behandlung

Teil 4: Geschichte einer Patientin